Rosetta@home Wissenschafts-FAQ
 

Bemerkungen von David Baker

Meine Forschungsgruppe arbeitet sowohl an der Entwicklung von Methoden, die die Grundlage für künftige Arbeiten bilden, als auch daran, Krankheiten ganz direkt zu bekämpfen. Der Großteil der auf unserer Webseite vorgestellten Information konzentriert sich auf die Grundlagenforschung, aber ich dachte, Sie sind vielleicht mehr daran interessiert, etwas über unsere Arbeit in Bezug auf ganz konkrete Krankheiten zu hören - eine Arbeit, die durch Ihren Beitrag zu Rosetta@home unterstützt wird.
 

Malaria: Wir sind einem Gemeinschaftsprojekt angeshlossen, das von Austin Burt vom Imperial College in London geleitet wird. Dieses Projekt ist eines der von der Gates-Stiftung finanzierten "Grand Challenge Projects in Global Health". Malaria wird durch einen Parasiten verursacht, der einen Teil seines Lebenszyklus' in Mücken verbringt und dann durch Mückenstiche auf den Menschen übertragen wird. Die Idee hinter dem Projekt ist die, die Mücken resistent gegen den Parasiten zu machen, indem man Gene der Mücken deaktiviert, die der Parasit zum Überleben braucht. Unser Anteil an dem Projekt besteht darin, unsere rechnergestützten Entwicklungsmethoden (ROSETTA) dazu einzusetzen, neue, maßgeschneiderte Enzyme zu entwerfen, die genau diese Gene ansteuern und deaktivieren.

Anthrax (Milzbrand): ROSETTA wird eingesetzt, um der Forschungsgruppe unter John Colliers in Harvard beim Aufbau von Modellen des Anthrax-Toxins (also des eigentlich giftig wirkenden Enzyms) zu helfen, die wahrscheinlich bei der Suche nach geeigneten Behandlungsmethoden helfen werden. Hier finden Sie eine Zusammenfassung eines Artikels zu einem Teil dieses Projekts: http://www.pnas.org/cgi/content/abstract/102/45/16409

HIV: Einer der Gründe dafür, dass HIV ein so tödliches Virus ist, ist die Tatsache, dass es Strategien entwickelt hat, die das Immunsystem überlisten. Wir arbeiten mit Forschern in Seattle und an den National Institutes of Health zusammen, um zu versuchen, einen Impfstoff gegen HIV zu entwickeln. Uns kommt dabei eine ganz zentrale Rolle zu - ROSETTA dient zur Entwicklung kleiner Proteine, die die wenigen bekannten, unveränderlichen Stellen der Hüllproteine des HI-Virus dem Immunsystem in einer Weise darbieten, die die ihm deren Erkennung und die Produktion von Antikörpern dagegen ermöglicht. Unser Ziel besteht darin, kleine, stabile Protein-Impfstoffe zu produzieren, die billig hergestellt und überall auf der Welt eingesetzt werden können.

Andere Viren: Wir haben mit Pam Bjorkmans Labor am California Institute of Technology zusammengearbeitet und dabei ROSETTA für das Protein-Protein-Docking eingesetzt, um den Mechanismus der Komplexbilding von Proteinen aus Herpes Simplex-Viren und menschlichen Proteinen zu modellieren.

Alzheimer: Alzheimer und viele andere Krankheiten werden wahrscheinlich durch eine gestörte Proteinfaltung hervorgerufen, bei der die Proteine große, zusammengelagerte Strukturen (sog. Amyloide) bilden, anstatt die eigentlich normale, biologisch aktive Struktur auszubilden. David Eisenbergs Arbeitsgruppe an der UCLA hat kürzlich einen großen Schritt nach vorne gemacht, indem sie die erste Struktur eines Amyloids gelöst hat. Mit dieser Arbeitsgruppe arbeiten wir zusammen. Ziel ist es, die nun bekannte Struktur zu nutzen, um vorherzusagen, welche Bereiche von Proteinen wahrscheinlich an der Amyloidbildung beteiligt sind. Dies wird ein erster Schritt sein, eine Amyloidbildung zu verhindern und somit hoffentlich auch die Krankheit.

Krebs: Krebs kann entstehen, wenn Mutationen an Schlüsselstellen des Genoms die normale Funktion bestimmter zellinterner Regulierungsprozesse stören. Wir entwickeln Methoden, um die DNA an bestimmten Stellen im Genom zu zerschneiden und zielen dabei ganz direkt auf Stellen ab, die mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang stehen. Nachdem diese Stellen zerschnitten sind, sollten sie von der Zelle mit Hilfe einer zweiten, nicht mutierten Kopie des Gens repariert werden und die Zelle aufhören, eine Krebszelle zu sein. Diese Vorgehensweise ist eine sehr spezifische Art der Gentherapie die, wenn sie erfolgreich ist, einen der Haupteinwände gegen die derzeitig eingesetzten gentherapeutischen Methoden umgeht: die momentan gebräuchlichen Methoden fügen die nicht mutierte Kopie eines Gens willkürlich irgendwo in das Genom ein - und falls das in der Nähe eines Onkogens, also einer ebenfalls krebsauslösenden Stelle, geschieht, heilt die Gentherapie zwar die eine Krankheit, löst aber gleichzeitig die nächste aus. Da unsere Methoden sich gezielt gegen spezifische Angriffspunkte richten und keinesfalls zufällig wirken, sollten sie diesen Stolperstein umgehen.

Prostatakrebs: Der Androgen-Rezeptor (AR) bindet Testosteron und ist verantwortlich für eine normale männliche Entwicklung. Wenn der AR aber eine Überempfindlichkeit gegen Testosteron entwickelt, resultiert daraus Prostatakrebs. Die momentane Behandlung von Prostatakrebs, die sogenannte Hormontherapie, besteht darin, die verfügbare Testosteronmenge zu verringern (manchmal sogar durch Kastration). Viele bösartige Tumore sind jedoch resistent gegen diese Therapie, weshalb wir versuchen, Proteine zu entwickeln, die den AR auch bei Anwesenheit von Testosteron deaktivieren. Wir tun das, indem wir Proteine entwerfen, die den AR einerseits daran hindern, in den Zellkern einzudringen (wo er ansonsten seine schmutzige Arbeit verrichten würde) und ihn außerdem, sollte er trotzdem irgendwie in den Zellkern gelangen, davon abhalten, sich an DNA anzubinden und dort tumorspezifische Gene zu aktivieren.

Die oben beschriebenen Projekte laufen derzeit noch nicht unter BOINC, weil wir kein ausreichend effizientes System haben, mit dem Teilnehmer die Jobs auf einfache Weise abliefern könnten - das soll sich aber bald ändern! Außerdem möchte ich Ihnen versichern, dass auch die derzeit auf Ihren Rechnern laufenden Strukturberechnungen einen direkten Beitrag zur Krankheitsbekämpfung leisten. Für diese direkte Beziehung zwischen Strukturvorhersage und der Behandlung von Krankheiten gibt es eine dreifache Erklärung:

  1. Strukturvorhersage und Proteindesign sind eng miteinander verwandt.
  2. Die Strukturvorhersage identifiziert Angriffspunkte für neue Arzneimittel.
  3. Die Strukturvorhersage gestattet es uns, neue Arzneimittel auf dem Wege des "Rational Design" zu erschaffen.